Lasst Strategien erkennbar werden!

 Kommentar zum neuen Kultur-Lockdown

Lasst Strategien erkennbar werden!

Nein, leicht ist dieser Lockdown nicht, auch wenn das Etikett „light“ das suggerieren soll. Die Bundeskanzlerin und Markus Söder haben ihre Beweggründe transparent gemacht: Nicht, weil der Konzert- und Theaterbesuch nachweislich zum Quell von Ansteckungen geworden sind, müssen diese Kultureinrichtungen nun bis Ende November schließen, sondern weil bei der Abwägung, wie sich Kontakte am besten reduzieren lassen, das Herunterfahren des sogenannten „Freizeitbereichs“ als das geringste Übel erschien. Man wollte Schul- und Kitaschließungen vermeiden. Da man nach wie vor zu wenig epidemiologische Kenntnisse zur tatsächlichen Verbreitung des Virus hat, ist das Argument zunächst einmal nachvollziehbar.

Was die Maßnahmen für uns Kulturschaffende so schwer erträglich macht, ist die Perspektivlosigkeit, verbunden mit der suggerierten Alternativlosigkeit der Maßnahmen. Es kann nicht die Zukunftsstrategie sein, bis zur Kontrollierbarkeit des Virus alle paar Wochen den sogenannten Freizeitbereich zu schließen. Die Maßnahmen müssen vielmehr – aus Gründen der Wirksamkeit wie der Fairness gleichermaßen – dort ansetzen, wo die Ansteckungen tatsächlich erfolgen.

Neun Monate nach Beginn der Pandemie liegt noch kein zuverlässiges Datenmaterial zu den tatsächlichen Infektionsquellen vor. Ein Bulletin des RKI vom 17.9.2020 beschreibt, wie diese Quellensuche derzeit aussieht – das liest sich wenig überzeugend: „Neu gemeldete COVID-19-Fälle werden hierfür [für die Quellensuche, A.d.V.]  vom Gesundheitsamt eingehend befragt, ob sie innerhalb der 14 Tage vor ihrem Symptombeginn Kontakt zu einem bestätigten Fall hatten und wenn ja, ob sich dieser Kontakt im Haushalt, am Arbeitsplatz oder in einer medizinischen Einrichtung zugetragen hat.  Diese Informationen können aus verschiedensten Gründen nicht immer erhoben werden, sie liegen daher nur für einen Teil der Fälle vor.“ (Epidemiologisches Bulletin 38/2020, S. 2). Systematische Quellensuche sieht anders aus. Zugegeben: Die Gesundheitsbehörden sind überlastet und kämpfen tapfer. Aber es hätte hier beispielsweie digitale, weitgehend automatisierte Lösungen geben können. Hier muss in der Zukunft nachgesteuert werden.

Es gibt wirksame Maßnahmen, die Verbreitung des Virus zu minimieren, darunter an vorderster Stelle die AHA(L)-Regel. Was kann man tun, um diese nachweislich erfolgreichen Strategien noch besser wirksam zu machen? Wie kann man die Akzeptanz und Durchsetzbarkeit der Maskenpflicht weiter steigern, in der Freizeit genauso wie am Arbeitsplatz? Lässt sich die Tätigkeit im Home Office weiter fördern, um Kontakte zu reduzieren? Kann man durch verstärkte Kontrollen Unternehmen, Institutionen und auch die Menschen dazu bringen, die Hygienemaßnahmen (noch) besser einzuhalten? All dies wären Ansatzpunkte für zukünftige Alternativen zum pauschalen Lockdown von Branchen, in denen nach derzeitigem Kenntnisstand kein höheres Infektionsrisiko als in anderen Lebensbereichen besteht. Im Gegenteil: Theater und Konzerte sind keine Massenveranstaltungen. Die ansteigende Infektionskurve wird durch ihre Schließung wohl nicht merklich abgeflacht.

Um den erneuten Kultur-Lockdown erträglicher zu machen, braucht es Perspektiven. Die Politik sollte erkennen lassen, dass zumindest für die Zukunft solche Alternativen und Perspektiven entwickelt werden, wenn sie schon nicht bereits heute – neun Monate nach Beginn der Pandemie – vorliegen. Natürlich ist positiv hervorzuheben, dass der Bund und der Freistaat Bayern die Härten des Lockdowns durch die Ankündigung von finanziellen Hilfen abfedern. Das ist aber nur ein Kurieren am Symptom. Was der sogenannte Freizeitbereich noch dringender braucht, ist der Ausblick auf wirksamere, fairere und damit besser vermittelbare Anticoronamaßnahmen in der Zukunft.

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